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Gemeinden müssen bald um Bewohner kämpfen

Ein Bericht der Badischen Zeitung vom 16.10.2012

Der demografische Wandel beschäftigt Kommunen in Südbaden.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Die Bevölkerungsprognose lässt keine Zweifel: Auch in Baden-Württemberg wird die Einwohnerzahl in den kommenden Jahren sinken, in den Dörfern stärker als in den Städten. Denn unaufhaltsam schreitet der demografische Wandel voran: Der Anteil der jüngeren Menschen sinkt und damit auch der Anteil der Frauen und Männer, die eine Familie gründen und im Erwerbsalter sind.

Wie aber lassen sich trotz dieser Entwicklung Wirtschaftskraft und Infrastruktur im ländlichen Raum halten? Jüngst hat sich der Arbeitskreis Ländlicher Raum und Verbraucherschutz der Landtagsfraktion der Grünen, dem auch der Ihringer Abgeordnete Reinhold Pix angehört, bei einer Rundreise durch den Breisgau mit dieser Frage beschäftigt. Im Rahmen eines Expertengesprächs im Institut für Landespflege der Universität Freiburg ging es um "Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume in Baden-Württemberg". Der Austausch sollte Ideen und Impulse liefern, landespolitische Instrumente auf dieses Ziel auszurichten. Wobei die Politiker den Begriff nachhaltig – er kommt aus der Forstwirtschaft und bezeichnet die Maßgabe nur so viel Holz zu hauen, wie in einem bestimmten Zeitraum nachwächst – so verstanden wissen wollen, dass wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen sind.
In diesem Sinn Politik für den ländlichen Raum zu gestalten, ist ohnehin das erklärte Ziel der grünen Landtagsfraktion, wie Markus Rösler, Abgeordneter aus der Region Ludwigsburg und Moderator der Runde, einleitend erklärte. Rösler hat sich im Rahmen seiner Promotion damit beschäftigt, wie sich am Beispiel des Biosphärengebiets Schwäbische Alb die regionale Ökonomie stärken lässt.

Grundlage der Aussprache waren Vorträge. Einführend erläuterte Harald Schaich vom Institut für Landespflege eine Analyse des Ist-Zustands und die Prognose in den ländlichen Gebieten. Dort wird der Schwund ausgeprägter sein als in den Städten. Dadurch ergibt sich ein überproportionaler Rückgang des Arbeitskräftepotenzials. Neben dem allgemeinen Bevölkerungsrückgang gebe es einen Trend "zurück in die Stadt".

Weiter berichtete Manfred Walser vom Ravensburger Beratungsbüro für Kommunal- und Regionalentwicklung SSWP über eine öffentlich geförderte, breit aufgestellte interkommunale Kooperation in der Region Walgau im österreichischen Vorarlberg. Mike Münzing, Bürgermeister von Münsingen auf der Schwäbischen Alb, informierte über den langjährigen Prozess in seiner Kommune, Wertschöpfungspotenziale zu wecken und die Identifikation der Bürger zu stärken. Ingrid Engelhart vom Freiburger Verein "Spes Zukunftsmodelle" stellte Konzepte vor, wonach sich Einzelhandels- und Dienstleistungsanbieter, kombiniert mit sozialen und medizinischen Angeboten sowie Begegnungsmöglichkeiten zusammenfinden können.

Mit diskutiert haben unter anderem Gabriel Schweizer, Bürgermeister von Vogtsburg, sowie Bernd Dallmann von der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe (FWTM).

Am Ende der Veranstaltung blieb der Eindruck haften, als wäre es ganz einfach, die bevorstehende Schrumpfung aufzuhalten: Man nehme einen professionellen Coach, der hilft Vertrauen aufzubauen, Selbsthilfekräfte der Bürger zu wecken und die Kooperationsfreude benachbarter Kommunen zu stärken, leite einen Beteiligungsprozess ein, etwa nach dem Muster der Lokale-Agenda-Bewegung, und rufe Fördermittel aus dem Programm zur Entwicklung des Ländlichen Raums (ELR) ab. Allerdings seien die Vergabekriterien zu reformieren. Wie, wusste Mike Münzing: "Nicht mehr nach dem Muster jedem ein bisschen was, damit alle zufrieden sind, sondern bezogen auf Entwicklungskonzepte, die soziale, ökologische und ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigen." Damit unter den Kommunen ein qualifizierter Wettbewerb um gute Lösungen entstehe, bestätigte Norbert Höll, Plenum-Koordinator für Baden-Württemberg, diese Ansicht. Im Ergebnis würden sich die Bewohner stärker mit ihren Gemeinden identifizieren, eher dort wohnen bleiben, wo sie auch ihre Ideen und Kräfte entfalteten und dabei für Wertschöpfung sorgten.

So einfach dürfte es nicht werden. Gabriel Schweizer brachte das Dilemma für die Gemeinden auf den Punkt: "Wenn die Einwohnerzahl sinkt, brechen Einnahmen weg und gleichzeitig wird es teuer, die Infrastruktur zu unterhalten und es entstehen möglicherweise sogar Kosten, sie zurückzubauen. Das kann ein Teufelskreis werden." Ein Rechenbeispiel: Wenn nur 20 Einwohner verloren gehen, fließen je nach Gemeindegröße und Steuerkraft zwischen 14 000 und 30 000 Euro weniger an Schlüsselzuweisungen dem örtlichen Rechnungsamt zu. Und sinkt erst der Miet- oder Kaufwert von Wohn- und Gewerberäumen, geht der volkswirtschaftliche Gesamtschaden in die Hunderttausende.

Tatsächlich ist der demografische Wandel im Südwesten, auch im Breisgau, schon spürbar, wenn auch noch weitaus schwächer als in anderen Regionen Deutschlands und nach wie vor überlagert von Zuwanderungsgewinnen, wobei Dörfer heute schon eher stagnieren oder gar schrumpfen als Städte. So hat auch der Kreis Breisgau-Hochschwarzwald im vergangenen Jahrzehnt schon manches Jahr mit einem negativen Wanderungssaldo abgeschlossen und ist bis zum Jahr 2030 mit einem Rückgang der Bevölkerung um gut zwei Prozent zu rechnen. Für die Gemeinde Bollschweil im Hexental etwa gibt die Prognose sogar einen gut zehnprozentigen Schwund an, für die Stadt Vogtsburg einen Rückgang um sieben und für Titisee-Neustadt einen Rückgang um 4,6 Prozent.

Nur Mittelzentren und kleinere Städte in der Rheinebene, beispielsweise Breisach oder Bad Krozingen, werden bis 2030 noch leicht wachsen oder immerhin stabil bleiben.


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