Pressespiegel

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Tausch von Stunden und Hilfe

Ein Bericht der Südwest-Presse vom 01.02.2013 / vom Renate Emmenlauer

Beim Vortrag über die Zeitbank platzte der Sitzungssaal im Ehinger Rathaus fast aus den Nähten. Der Beifall für die Referenten unterstrich, wie groß das Interesse am Älterwerden mit Lebensqualität ist.

Voll besetzt war der Saal im Ehinger Rathaus beim Vortrag über die Idee der Zeitbank. Foto: Emmenlauer

Der Verein "Zeitbank 55+" hätte wohl auch in Ehingen viel Zuspruch: Das zeigt die positive Resonanz der vielen Zuhörer zum Vortrag von Wolfgang Schleicher, dem Geschäftsführer des katholischen Landvolkverbandes, und Ingrid Engelhart, der Vorsitzenden der Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen (SPES) in Baden-Württemberg.

Keiner machte nach deren Ausführungen Anstalten, den Heimweg anzutreten. Auch nicht, als der Strom für rund 15 Minuten ausfiel und die Leute im Dunkeln saßen. Viel zu groß war offenkundig das Interesse an dem Thema. Bürgermeister Sebastian Wolf war begeistert: "Vor einem Jahr haben Bürger bei der Zukunftswerkstatt Ideen und Wünsche für ein lebens- und liebenwertes Ehingen eingebracht. Seitdem haben wir viel erreicht, auch zum Thema Älterwerden." Nachdem die Seniorengenossenschaft Riedlingen schon über ihr Projekt informiert hat, gab es jetzt ein Forum für die Idee der Zeitbank. Weitere Modelle für Senioren sollen vorgestellt werden.

Schleicher erläuterte kurz die Zielsetzung der Studiengesellschaft SPES mit ihrem Leitmotiv "Umkehr zum Leben" und dem Auftrag, nachhaltige Modellen des Zusammenlebens der Generationen zu entwickeln, sichern und zu begleiten. In der Gesellschaft vollziehe sich ein demografischer Wandel. Deshalb bedürfe auch die Seniorenpolitik in den Kommunen einem Richtungswechsel: "Die älteren Bürger sollen in einem Ort nicht nur wohnen, sondern sich aktiv einbinden." Ideal fand Wolfgang Schleicher eine gute Mischung aus bürgerschaftlichem Engagement und professioneller Hilfe. Zur "Zeitbank 55 +" stellte der Experte klar, dass dieses Angebot keine Konkurrenz sei zu bestehenden Institutionen, sondern eine Ergänzung. "Man darf gelebte Nächstenliebe nicht mit organisierter Nachbarschaftshilfe verwechseln." Es werde kein Geld bezahlt, man tausche nur Stunden und Hilfe. Und: Ältere helfen Älteren. Dabei spiele nicht nur der Aspekt der Inanspruchnahme von Hilfe eine wichtige Rolle, wichtig sei auch das Gefühl des Gebrauchtwerdens bei den Helfenden.

Ingrid Engelhart berichtete anhand von Beispielen aus den landesweit bereits bestehenden sieben Vereinen, wie sehr Helfer und Hilfebedürftige von der "Zeitbank 55+" profitierten. Sie sprach das soziale Netzwerk dieses Projekts an, durch das insbesondere vereinsamte ältere Menschen mehr Kontakt bekämen. "Das ist auch eine gute Plattform für neue Freundschaften." Was für Leistungen kann man anbieten und ordern? Dafür gebe es in den jeweiligen Vereinen Angebots- und Nachfragelisten. Ingrid Engelhardt hob hervor, dass die Zeitbank keine regelmäßigen Leistungen vorsehe, auch keine Hausarbeit, Pflege, Krankentransporte, Renovierungsarbeiten und Reparaturen. "Die Zeitbank ist nicht der Service für billige Arbeitskräfte und auch nicht für professionelle Dienstleistungen."

Kann man als Zeitbankmitglied keine Stunden mehr leisten, kann man bis zu 50 Stunden pro Jahr kaufen, informierte Engelhart, die Stunde zu 3,60 Euro. Bei der Zeitbank spiele keine Rolle, was man in der Stunde tut - man kann anderen Menschen Zeit schenken, beratend zu Seite stehen oder aber handwerkliche Hilfe leisten. An Bürgermeister Wolf gewandt, berichtete die Fachfrau, dass manche Kommunen ihren Jubilaren schon die Wahl lassen: entweder einen Gutschein für Stunden der Zeitbank oder einen Geschenkkorb. "Viele wählen die Zeit." Die Idee fiunktioniere auch über Gemeindegrenzen hinweg; entscheidend sei nicht die Zahl der Mitglieder, meist zwischen 20 und 40, sondern die aktive Zusammenarbeit. Alle Mitglieder im Verein seien Unfall-, Rechtschutz- und Haftpflichtversichert. Ingrid Engelhart sieht in der Idee der Zeitbank eine vierte Säule der sozialen Altersvorsorge: "Auf die Menschen in der Zeitbank kann man sich verlassen, die kennt man, denen hilft man und die helfen wieder zurück."