Pressespiegel

Sie befinden sich hier: Zeitbank / Aktuelles & Wissenswertes / Baden Messe / 

Sich im Alter gegenseitig helfen

Ein Bericht aus der Badischen Bauernzeitung vom 15.09.2012 / CH

Ob sie es wahrhaben wollen oder nicht: Immer mehr Zeitgenossen werden „Landsenioren" und schlittern ziemlich blauäugig in diesen dritten Lebensabschnitt

Referentin Ingrid Engelhart (links) mit Moderatorin Conny Hodeige (Mitte) und einer Gesprächspartnerin aus den Reihen der Zuhörer.

Dabei gäbe es reichlich Handlungsbedarf, wie Matthias Werner vom Bildungswerk des BLHV beim Landseniorentag am Montag auf der Baden Messe feststellte: „Rund fünfzig Prozent der Kinder machen heute Abitur. Sie gehen fort zum Studieren oder machen eine Ausbildung auswärts. Die allerwenigsten kommen zurück. Das heißt: Die allerwenigsten haben jemand, der sie versorgen könnte!"

Wie man sich auf die Zeit als Senior vorbereite, liege meist an der Fähigkeit der Betroffenen, die Realität zu erkennen und Initiativen zu ergreifen. So sei zum Beispiel eine von vielen Möglichkeiten, das Alter aktiv zu gestalten, die Mitgliedschaft im Verband der Landsenioren.

Seit gut zehn Jahren gibt es diesen Zusammenschluss im Verbandsgebiet des BLHV Allerdings gibt es bisher nur Landsenioren-Organisationen in den Bezirken Waldshut-Tiengen, Donaueschingen, Freiburg und Stockach. „Die Rheinschiene hat Nachholbedarf", so Geschäftsführer Hermann Keller.

Das Angebot, über den Zusammenschluss über die Landsenioren an Tagesfahrten oder Vorträgen teilnehmen zu können, stoße auf meist sehr großen Anklang. BLHV-Mitglied brauche man für eine Beteiligung nicht zu sein, aber die Organisation werde über die Bezirksgeschäftsstellen abgewickelt und entsprechend seien dort auch die richtigen Ansprechpartner.

Zeitbank

 Ein weiteres Angebot stellte Ingrid Engelhart vor: Das Modell „Zeitbank 55plus". In Achkarren am Kaiserstuhl wurde der erste entsprechende Verein in BadenWürttemberg im November 2009 gegründet. Die Initiative komme aus Österreich, so die Geschäftsführende Vorsitzende des SPES-Zukunftsmodelle e.V.

Seither funktionieren sechs weitere Vereine im Land nach der Devise: Alt werden in vertrauter Umgebung. Die Zeitbank 55plus ist ein gemeinnütziger Verein, der Nachbarschaftshilfe fördert.

Jedes Mitglied gibt beim Eintritt seine Fähigkeiten und Kenntnisse bekannt. Für die Hilfe, die man gibt, bekommt man die Zeit dafür auf einem Stundenkonto gutgeschrieben. Wenn man selbst Hilfe in Anspruch nimmt, „bezahlt" man mit diesen angesparten Stunden. Je nachdem kann so Hilfe geleistet oder in Anspruch genommen werden, zum Beispiel für Schriftverkehr, Einkaufsfahrten, Transporttätigkeiten, Handwerkliches, Haushalt oder Gartenarbeit. Weitere Infos über die Akademie SPES Zukunftsmodelle unter Telefon 0761/5144244 oder www.spes.de. Als „Zukunftsmodell schlechthin" verwies  Engelhart auf Eichstetten. Dort haben sich in den Neunzigerjahren auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Gerhard Kiechle 272 Interessierte zur „Bürgergemeinschaft Eichstetten" zusammengetan. Kein Investor wollte für eine Seniorenanlage in ein 3300-Seelendorf investieren - also haben die Bürger gehandelt. Auf diese Weise sind Projekte entstanden, die den Bedürfnissen der Dorfbewohner entsprechen und in die viele örtliche Gruppierungen eingebunden sind. Zentrum des „sozialen Geflechts" ist der Schwanenhof mitten in Eichstetten mit 16 barrierefreien Wohnungen. Ein Bürgerbüro vor Ort dient als Anlaufstelle.

Angegliedert

Direkt angegliedert sind Räume, die von Vereinen oder zur Kleinkinderbetreuung genutzt werden. In Kooperation mit der Sozialstation gibt es dort eine Betreuung für demente oder hilfsbedürftige Menschen. Dann wurde mit der Schaffung einer Pflegewohngruppe „Adlergarten" ein Verbleiben von an Demenz erkrankten Menschen im Dorf ermöglicht und schließlich gibt es seit April dieses Jahres das „Cafe" Mimander": Menschen mit Handicap erhalten dort in Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten die Chance auf einen Arbeitsplatz. Umgesetzt wird das alles vorwiegend mit Frauen aus dem Dorf und die Bürgergemeinschaft hat inzwischen 480 Mitglieder.

Was in Eichstetten Realität ist, könnte beispielgebend für viele Gemeinden sein, fand  Engelhart. Initiator könne die Gemeinde sein - um die Umsetzung sollte sich aber eine Vereinigung der Bürger kümmern.

In der Diskussion wurde auf einen zusätzlichen Vorteil derartiger Zusammenschlüsse hingewiesen: Die Mitglieder sind bei ihren Tätigkeiten versichert. „Wenn man sich gegenseitig helfen kann, erfährt man auch Wertschätzung und Anerkennung - was ganz wichtig ist im Alter", führte eine Diskussionsteilnehmerin an.