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"Das Geben und Nehmen ist Gegenseitig"

Verein "Zeitbank 55+ " in Seckach bringt Menschen zusammen: Dienstleistungen austauschen, Beziehungen knüpfen und Sinn finden.

Ein Bericht der Fränkischen Zeitung vom 5.11.2012 / von Christian Hagenbuch

 

Vorsitzende Elfride Kohler (links) und Schriftführerin Iris Bronner gehören zu den treibenden Kräften bei der " Zeitbank 55+" in Seckach (Foto: Christian Hagenbuch)

SECKACH. Der demografische Wandel ist nicht nur ein beinahe überstrapaziertes Schlagwort. Er hat und wird konkrete Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben haben und erfordert konkrete Antworten und Anstrengungen. Eine handfeste Initiative hierzu ist der Verein „Zeithank 55 +" in Seckach.

Gemäß dem Motto „In Gemeinschaft leben" der kürzlich durchgeführten Informationsbörse in der
„Pflegestand 2020: Als ich das gehört habe, wusste ich, die meinen mich."
(ELFRIEDE KOHLER)

Seckachtalhalle kommen unter seinem Dach Menschen zusammen, helfen sich gegenseitig und werden Teil eines Beziehungsgeflechts.

 Gründerin und Vorsitzende Elfriede Kohler (54) erläutert den Grundgedanken: „Es geht letztlich um Beziehungen. Darum, dass Menschen sich einbringen". Das Ililfsprinzip lautet dabei; Die Mitglieder bieten Tätigkeiten an und fragen andere nach. Die erbrachten Leistungen werden über Zeitschecks als Snrnden, beziehungsweise Guthaben erworben und können später wieder eingelöst werden,

Schriftführerin Iris Bronner (48) stellt jedoch klar: »>Wir machen den hiesigen Firmen keine Konkurrenz, unser Angebot endet bei den alltäglichen Unterstützungen wie Einkaufen, Blumen gießen, schwere Dinge tragen". Klassische Handwerkerleistungen oder regelmäßige Fahrten fielen nicht darunter.

Auch ganz wichtig: „Niemand wird zu etwas gezwungen, man kann Anfragen auch ablehnen". Ein Tauschring im klassischen Sinn ist die Zeitbank aber nicht, „Wir wollen nicht möglichst viele Mitglieder und ein größtmögliches Angebot. Bei uns geht um Geselligkeit; darum, Menschen zusammen zu bringen. Und um die Entwicklung des Bewusstseins dafür, dass jeder etwas einbringen kann, egal in welchem Alter", führt Kohler weiter aus.

Die Schwerpunkte der Vereinsarbeit verteilen sich folglich auf drei Säulen:  Diensüeistungen  austauschen, Beziehungen knüpfen, Sinnfindung in allen Lebensphasen.

Die monatlichen Treffen mit wechselnden Themenschwerpunkten, Vorträgen oder kulturellen Angeboten auch für die Bevölkerung sollen nicht nur dem Stunden-, sondern auch dem Gedankenaustausch und der Beziehungspflege dienen.

Das Gründungstreffen erfolgte im Juli 2010. Ausgangspunkt war der Lokale-Agenda-Prozess der Gemeinde Seckach zur Förderung bürgerschafüichen Engagements, innerhalb dessen Arbeitskreise gebildet wurden. Aus dem Arbeitskreis „Soziales Netzwerk" ging dann die Zeitbank hervor. „Wir haben nach Organisationformen für Nachbarschaftshilfe Ausschau gehalten und versthiedene Modelle begutachtet", blickt die Verwaltungsangestellte Bronner zurück.

Dann stießen die Initiatorinnen auf den Verein „SPES Zukunftsmodelle e.V." aus Österreich, der schon seit einigen Jahren Modelle mit dieser Zielrichtung entwickelt, fuhren ins Nachbarland, ließen sich alles erklären und wurden schließlich fündig. „Man muss das Rad ja nicht neu erfinden", so Kohler. Ideen, Stundenverbuchung, Internetauftritt, all das konnte übernommen und auf die Seckacher Bedürfnisse angepasst werden. Vieles andere musste dagegen aus eigener Kraft gestemmt werden. „Wir waren der erste von inzwischen acht Vereinen in Deutschland. Die Satzung musste beispielsweise auf deutsche Verhältnisse umgearbeitet werden, was sich als recht kompliziert herausstellte".

 In dieser Phase erwies es sich als Glücksfall, dass die Politik das Thema aufgegriffen hatte und unterstützte. Die Gemeinde Seckach mit Bürgermeister Thomas Ludwig, selbst Vereinsmitglied, half nach Kräften, wofür sich der Vereinsvorstand dankbar zeigte: HEs geht alles viel einfacher, wenn man keine Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt, sondern Unterstützung erhält".

Inzwischen 31 Mitglieder

Begonnen hat es mit 24, inzwischen sind es 3l Mitglieder, nieist Frauen. Die Altersspanne reicht von Mitte 40 bis 89, im ersten Jahr wurden 34 und im laufenden 77 Stunden getauscht, woran etwa die Hälfte der Mitglieder beteiligt waren. Die Zielgruppe besteht generell in der Generation, die sich darauf vorbereitet, im Alter unabhängig und eigenständig zu bleiben.

Grundsätzlich kann jedoch jeder ab 18 lahren beitreten, denn: „Wir wollen nicht dieses Denken, dass es Bedürftige und Helfer gibt und diese beiden Gruppen müssen zusammengeführt werden. Ich hatte von Beginn an die Idee, dass es ein Geben und Nehmen sein soll. Gerade auch ältere Menschen wollen oft nichts schuldig bleiben, nicht die Bedürftigen sein. Wenn man deren Qualitäten entdeckt, können die sich auch einbringen", resümiert die Heilpädagogin Kohler.

Davon könnten auch junge Familien mit Kindern profitieren, die keine (Groß-)Eltem vor Ort hätten, oder alleinerziehende Mütter und Väter. Im Idealfall regele sich der Ausgleich von Angebot und Bedarf automatisch, mit der Zeitbank als Plattform.

Wichtig seien aber nicht nur die jeweiligen Kompetenzen, auch die „Chemie" im Verein müsse stimmen. „Qualität vor Quantität" Elfriede Kohler abschließend zur Vereinsphilosophie: „Mir ist besonders wichtig, im Verein ein gutes Klima zu haben. Nicht ganz viel und ganz schnell mit ganz vielen Mitgliedern tauschen.

Qualität vor Quantität

Unerwünscht sind auch Mitnahmeeffekte, oder im Klartext Ausnutzen des Systems. Wir wollen nicht, dass jemand denkt, liier bekomme ich billig etwas gemacht als Ersatz für marktübliche Dienstleistungen",

Die Frage nach der Motivation zur Vereinsgründung beantwortet sie ebenso offen wie nachvollziehbar: „Das kam ganz klar aus Eigennutz heraus. Mir wurde irgendwann klar, wenn von Pflegenotstand 2020 die Rede ist, dass die mich meinen. Das ist aber mittlerweile hoffähig, weil gesunder Egoismus ein guter Motor ist. Ich will positiv in die Zukunft gucken".