Deutschlands erster Zeitbank-Verein am Kaiserstuhl

Ein Bericht der Badischen Zeitung vom 14.08.2015 / von Sina Gesell

Eine Bank mit Zeit als Währung. Die Zeitbank in Vogtsburg-Achkarren funktioniert wie eine Tauschbörse für Nachbarschaftshilfe.

Auch sich helfen zu lassen, muss man erst lernen – dann aber wird’s selbstverständlich: Rosemarie Maske (links) kürzt die Hose von Maria Oude Holtkamp. Foto: Sina Gesell

Nun fange ich an, egoistisch zu werden." Das dachte sich Hedwig Zähringer, als sie 2009 den Zeitbank-Verein in Vogtsburg-Achkarren gründete – den ersten in Deutschland. Zwar basiert das Konzept auf ehrenamtlichem Engagement, doch ganz ohne Bezahlung geht’s nicht: Die Währung ist allerdings nicht monetärer Art, die Währung ist Zeit.

Die Zeitbank funktioniert im Grunde wie eine Tauschbörse: Mäht ein Vereinsmitglied bei einem anderen den Rasen, bekommt es eine Stunde auf sein Zeitbank-Konto gutgeschrieben – egal, ob das Rasenmähen eine halbe Stunde oder anderthalb Stunden dauert. Diese Stunde kann das Mitglied dann für sich nutzen und sich von einem anderen beispielsweise seine Hemden bügeln lassen. Eine Art Nachbarschaftshilfe, nur organisierter. "Jeder macht das, was er gut kann oder gerne macht", sagt die Vereinsvorsitzende und Gründerin Hedwig Zähringer, "und er hilft damit auch anderen, die vielleicht nicht mehr so können, wie sie gerne wollten." Ältere können sich bei schweren körperlichen Tätigkeiten Unterstützung holen wie beim Wasserkästen schleppen, sich einfach nur die Vorhänge aufhängen oder eine Glühbirne auswechseln lassen.

"Seit ich im Verein bin, fühle ich mich im Dorf zugehörig", sagt Maria Oude Holtkamp. Vor 15 Jahren zog sie von Wasenweiler in den Vogtsburger Ortsteil, ursprünglich stammt sie aus Norddeutschland. Ihren Akzent hat sie bewahrt. "Klar, man kannte sich vom Namen her, aber so richtig kennengelernt hat man sich nicht." Damals arbeitete sie als Personalsachbearbeiterin in Freiburg, heute ist sie Rentnerin. Als sie einen Zettel in ihrem Briefkasten fand, auf dem zu einer Infoveranstaltung zum geplanten Zeitbank-Verein eingeladen wurde, sei sie sofort begeistert gewesen. Der 65-Jährigen ging es vor allem darum, Kontakte zu knüpfen, sagt sie.

An diesem Montag im Juli aber lässt sie sich helfen. Die neue Jeans ist mal wieder zu lang und "nähen konnte ich noch nie". Also bringt sie die Hose zu Rosemarie Maske, die ein paar Straßen weiter wohnt. Die beiden begrüßen sich mit einer Umarmung, es ist nicht die erste Hose, die Rosemarie Maske für sie kürzt. Sie setzt ihre Brille auf, zieht eine Nadel aus dem Kissen und sticht sie ins Hosenbein. "Ich habe vier Kinder", sagt sie, "du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Hosen ich schon umgenäht habe." Die beiden Frauen lachen. Neben der Nähmaschine liegt ein grüner Scheck, mit dem wandert später eine Stunde vom einen Konto zum anderen. In was Rosemarie Maske die erarbeitete Stunde steckt, weiß sie noch nicht. "Ich bin der Typ, der alles selber macht", sagt die 67-Jährige, "’Dätsch mer?’ zu fragen, ist schwieriger."

"Hilfe anzunehmen, muss man lernen", sagt die Vorsitzende Hedwig Zähringer. Deshalb müsse man sich dann im Verein engagieren, wenn man noch fit ist. Und das solle kein einseitiges Engagement sein. Die 72-Jährige hilft selbst anderen im Haushalt oder macht für sie Besorgungen. Gerade das sei für Ältere in der kleinen Stadt im Kaiserstuhl schwierig, die nächsten Einkaufsmöglichkeiten sind in Ihringen, Breisach oder Oberrotweil. Für ihre Stunden lässt sich Zähringer etwas am Computer erklären oder eine Lampe anbringen. Wer was anbietet, können die Mitglieder in einer Datenbank abrufen, in dem auch die Stunden auf die Konten gutgeschrieben und abgezogen werden.

Die Idee der Zeitbanken stammt aus Österreich, die Freiburger Spes (siehe untenstehendes Interview) hat sie übernommen und hilft bei der Vereinsgründung, stellt die Software und gibt Tipps. Ein Dutzend Vereine aus Baden-Württemberg hat Spes mittlerweile unter seinem Dach, darunter Freiburg-Ost, Efringen-Kirchen oder eben Achkarren. In Lörrach und Waldkirch haben erste Infoveranstaltungen stattgefunden, die Vereinsgründungen stehen bevor.

Der Achkarrer Verein zählt 25 Mitglieder, das jüngste Mitglied ist um die 40, das Älteste über 80, der Großteil ist in Rente. "Wenn man noch voll im Beruf steht, hat man meist wenig Zeit", sagt Zähringer, die sich aber über Jüngere freuen würde. Mitmachen kann jeder – vorausgesetzt, er wohnt in dem 800 Einwohner starken Vogtsburger Ortsteil. So bleibt es überschaubarer, sagt Zähringer. Je größer das Gebiet, desto schwieriger sei nicht nur die Organisation, sondern auch das Kennenlernen. "Ohne Vertrautheit geht es nicht."

Hedwig Zähringer stammt aus der Nähe von Münster, kam in jungen Jahren als Dorfhelferin nach Freiburg, wo sie ihren späteren Mann, einen Achkarrer, kennenlernte. "Und der ist schon immer ein Vereinsmensch gewesen", sagt die Rentnerin, "da habe ich eben auch mitgemacht." Mittlerweile könne sie sich ein Leben ohne Ehrenamt nicht mehr vorstellen. Sie war unter anderem Vorsitzende im Pfarrgemeinderat, Mitglied im CDU-Ortsverein, engagierte sich in der Landfrauenbewegung und ist noch Vorsitzende des Krankenvereins St. Georg, dem der Zeitbank-Verein angehört. Durch die Angliederung hat sich laut Zähringer der bürokratische Aufwand einer Vereinsgründung reduziert.

Zurück in Rosemarie Maskes Arbeitszimmer: "Das geht ja Ruck-Zuck", sagt Maria Oude Holtkamp freudig, die der Hobby-Näherin über die Schulter schaut. Die zieht das Hosenbein aus der Maschine, legt die Jeans zusammen und überreicht sie der Besitzerin. Im Gegenzug bekommt Maske den grünen Scheck, rund zehn Stunden hat sie dann auf ihrem Konto. Vielleicht spart sie die erst einmal für später, "falls mal etwas sein sollte".

Das hat Hedwig Zähringer selbst einmal erlebt, als sie sich die Hand verletzte und ihre Ferienwohnungen nicht herrichten konnte. Sie startete einen Notruf und prompt standen vier Helfer auf der Matte, erzählt sie. Neben solchen kurzfristigen Hilfegesuchen sei die Vereinsarbeit auch eine gute Altersvorsorge. "Wir werden schließlich alle nicht jünger." Und die Kinder wohnen heutzutage nicht mehr unbedingt ums Eck. "Außerdem möchte man seine Kinder nicht mit allem belasten." Wenn ein Mitglied in Not ist, haben die anderen Mitglieder auch schon mal ihre Stunden verschenkt, sagt Zähringer. In Ausnahmefällen können jene, die mehr Hilfe brauchen, als sie geben können, auch Stunden kaufen – im Jahr maximal 50 Stück zu je 3,60 Euro.

Gegeneinander aufrechnen kann man die getane Arbeit sowieso nicht, eben weil jede Tätigkeit gleich viel wert ist. Rosemarie Maske hat eine Viertelstunde gebraucht, um die Hose zu kürzen. Maria Oude Holtkamp hat dafür einem Nachbarn vielleicht etwas ins Englische übersetzt. Aber darum ginge es nicht, sagt Zähringer, sondern darum, "sich gegenseitig zu helfen und miteinander alt zu werden".