Die Bürger müssen mitziehen

Ein Bericht der Badischen Zeitung vom 25.09.2015 von Gabriele Hennicke

Eine Tagung im Bildungshaus Kloster St. Ulrich befasst sich mit Modellen und Ideen für das künftige Leben in ländlichen Gebieten.

Wichtig für das Leben auf dem Lande: die Nahversorgung über Dorfläden. Foto: Volker Münch

BOLLSCHWEIL. Was passiert eigentlich, wenn das letzte Geschäft im Dorf zumacht? Wenn die Grundschule schließt? Wenn es gar außer dem Friedhof keinen Ort mehr gibt, an dem sich die Einwohner eines Dorfes treffen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Veranstaltung des Diözesancaritasverbandes und der "Kirche auf dem Land" im Bildungshaus Kloster St. Ulrich. Dabei ging es nicht nur darum, Folgen des demografischen Wandels zu beschreiben, sondern um bereits funktionierende Beispiele und zündende Ideen.
Einige Projekte, die zukunftsweisende Lösungsansätze sein könnten, stellten sich in St. Ulrich vor: Beim Projekt "Hilfe von Haus zu Haus" in Gaienhofen am Bodensee betreuen mehr als 70 Helfer alte und kranke Menschen und ermöglichen so pflegebedürftigen Menschen, möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Ein Ansatz, den auch die Bürgergemeinschaft Eichstetten verfolgt.

Denn beim Thema Landflucht gehe es schon längst nicht mehr nur darum, dass die Jungen wegziehen, sagte Professorin Cornelia Kricheldorff, Leiterin des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung an der Katholischen Hochschule Freiburg bei der abschließenden Podiumsdiskussion. "Immer mehr Gemeinden wenden sich dieser Problematik zu und entwickeln mit unserer Unterstützung Ideen, wie Alt und Jung miteinander in den Dörfern leben können", so Kricheldorff.

Ein Rezept dafür gebe es nicht, weil sich die Situation in jeder Gemeinde anders darstelle, wohl aber Modelle, die funktionieren und von denen man sich einiges abschauen könne. Hilfreich sei auf jeden Fall, wenn jemand von außen einen solchen Prozess begleite und moderiere. Darin war sich die von Matthias Zeller, Leiter des SWR-Büros in Lörrach, geleitete Runde einig. Ein solcher Initiator und Berater ist der Verein Spes-Zukunftsmodelle für Menschen und Lebensräume, der sich ebenfalls auf der Veranstaltung präsentierte. In ihm haben sich zahlreiche Akteure des ländlichen Raums zusammengeschlossen, darunter Landvolkpfarrer Thomas Dietrich, Mitveranstalter der Veranstaltung.

Der Verein unterstützt Gemeinden und Regionen, die Methoden zur Bürgerbeteiligung, für Nahversorgung und Nachbarschaftshilfe, Konzepte im Blick auf den demographischen Wandel und Initiativen für die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe entwickeln wollen mit Know-How und Beratung.

Das "Dorv"-Zentrum in Bühl-Eisental ist eines der Modellprojekte des Vereins zur Rundumversorgung vor Ort. Er ist ein Tante-Emma-Laden des 21. Jahrhunderts und versorgt die 2100 Einwohner des Dorfs mit Lebensmitteln, es hat einen Hol- und Bringdienst integriert und ein Stehcafé. Der Laden fungiert als Post, Paket- und Reinigungsannahme und verfügt über einen Bankautomaten. Über fünf Jahre haben sich viele Menschen für das "Dorv"-Zentrum engagiert, bis Konzept und Finanzierung standen. Fördermittel für dieses und ähnliche Projekte gibt es durchaus: Aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum und aus dem Regionalentwicklungsprogramm Leader, außerdem Beratungsgutscheine aus dem neuen Programm "Gut Beraten!" des Staatsministeriums Baden-Württemberg.

In ganz kleinen Gemeinden seien häufig ein besonderer Zusammenhalt und ein besonders großes Engagement zu beobachten, stellten die Podiumsteilnehmer fest. Reinhard Feser, Bürgermeister von Lenzkirch im Hochschwarzwald, beschrieb das Engagement der 150 Einwohner des Lenzkircher Teilorts Raitenbuch für das Alte Rathaus, das heute ein soziokulturelles Zentrum für die ganze Region sei. Auch soziale Einrichtungen müssten umdenken. Sie müssten lernen, über ihre eigene Institution hinaus zu denken, wenn sie den Menschen in den Dörfern helfen wollen. Rolf Steinegger, Vorstand des Caritasverbandes Hochrhein, beschrieb diesen Umdenkprozess innerhalb der Caritas: "Wir müssen uns fragen, was der Mensch braucht und nicht, was wir ihm bieten können."

Infrastrukturprojekte wie der Breitbandausbau für schnelles Internet im ländlichen Raum seien auch für die Gewinnung von Personal – zum Beispiel in der Pflege – wichtig. "Denn wer hier arbeiten soll, will auch mit der Welt kommunizieren und das gilt nicht nur für osteuropäische Pflegekräfte", lautete die Feststellung Steineggers.

Der letzte Teil der Podiumsdiskussion widmete sich der Frage, ob die Zuwanderung durch Flüchtlinge den demographischen Wandel bremsen könne. Sie werden den Wandel auf jeden Fall beeinflussen und zwar positiv, war die einhellige Meinung. "Die Flüchtlinge sind eine ungeheure Chance für unser Land", sagte hierzu Thomas Dietrich und freute sich darüber, dass "auch die Gottesdienste wegen der Hautfarbe und der anderen Gewohnheiten bunter werden".