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Aus dem Nichts

Ein Pressebericht von BRANDEINS 06/06 zum Thema DORV

Kein Laden, keine Bank, kein Arzt. 
Das war Barmen. 
Ein Dorf wie viele, vom Aussterben bedroht. 
Bis die Barmener sich zusammentaten. 

Text: Christian Sywottek 
Foto: Albrecht Fuchs 

 

 

Es gibt Dinge, die kann man nur sehr schwer verstehen. Barmen zum Beispiel, Jülich-Barmen. Ein Dorf mit 1400 Einwohnern inklusive Kindern, auf halber Strecke zwischen Köln und Aachen. Ein properes Dorf mit soliden Häusern aus braunrotem Backstein, einer trutzigen Kirche, sauberen Straßen und gepflegten Vorgärten. 1939 lebten in Barmen 888 Menschen, 1961 waren es 1109, zehn Jahre später 1240, im Jahr 1987 schließlich 1300. Als Barmen klein war, gab es noch Geschäfte im Ort. Vier Lebensmittelläden, zwei Fleischer, zwei Bäcker. Es gab auch mal eine Sparkassenfiliale. Doch Anfang der neunziger Jahre schloss der letzte Laden. Die Leute in Barmen sagen, das liege an den Autos. Wie fix sei man die paar Kilometer weiter in Düren oder Jülich, wo es die großen Supermärkte gibt. 

Es scheint so normal. Erst macht ein Laden zu, dann noch einer. Bis keiner mehr bleibt. Danach gibt es drei Möglichkeiten für die Zurückgelassenen: resignieren. Beschweren. Oder selbst machen. 

Resignieren, meckern, sich einrichten – das machten auch die Barmener jahrelang. Doch schließlich taten sie selbst etwas: Sie eröffneten einen Laden, 20 Schritte breit, 25 Schritte lang, in dem sie Brot und Wurst, Waschmittel und Schreibhefte, Mineralwasser und Bier kaufen können. In dem sie ihre Wäsche zur Reinigung geben und diverse Amtsformulare in die Stadt schicken können. Wo nun bald sogar ein Arzt praktizieren wird. Wo sich Menschen begegnen, die sich jahrelang höchstens in der Kirche trafen, zum Gottesdienst oder auf Beerdigungen. Und wo sie Arbeit finden.Sie haben das ohne Fördergelder geschafft, aus eigener Kraft. Die Geschichte des Ladens in Barmen ist eine Geschichte darüber, was alles geht, wenn man nicht blöd ist und nicht knauserig. Wenn man zusammenhält und sich Hilfe holt. Und wenn man auf den allgemeinen Nutzen achtet. 

Am Anfang steht eine Idee und keine Ahnung, dann fängt man an, und es geht los. 

Im Jahr 2001 verliert Barmen die letzte Verbindung zur Außenwelt: Die Sparkasse schließt ihre Filiale. Heinz Frey, heute 52, spürt die Wut in sich aufsteigen. Lehrer Frey sitzt im Jülicher Rat. Er ist ein sportlicher Mann mit grauem Haar, grauem Bart und Lachfalten um die braunen Augen, die größer werden, wenn er in Fahrt kommt. „Das wollte ich mir nicht gefallen lassen. Die alten Leute in Barmen haben die Sparkasse groß gemacht, haben ihre Häuser mit deren Krediten gebaut, und plötzlich ließ man sie hängen.“ Die Wut wirkte wie eine Initialzündung. „Als wir ganz alleine standen, wurde uns bewusst, was uns alles wirklich fehlt. Zum Beispiel ein Laden. Wir haben gemerkt: Wir haben gepennt.“ Er sagt: wir. Doch damals war es vor allem: ich.

Frey dachte über sein Dorf nach und erkannte: Barmen steht auf der Kippe. Die Leute werden älter. Noch kommen die meisten mit dem Auto in die Stadt – in wenigen Jahren kann das aber anders sein. Die Jüngeren schaffen es noch, ihre Eltern zu ver- sorgen – aber mit der Zeit wird diese Aufgabe schwerer werden. Viele werden es nicht mehr können. Frey erkennt: Wenn sich nichts tut, werden die Leute Barmen verlassen, und das wäre der Niedergang. „Die Menschen müssen lebenslang in Barmen bleiben können“, sagt Frey. „Das wurde ein klares Ziel.“ 

Am Anfang steht eine diffuse Idee. „Bäcker, Metzger, Erbsen in der Dose, Sparkasse“, erinnert sich Frey, „darum ging es.“ Nichts ist mehr da, nur die leere Sparkassenfiliale im Dorfzentrum. Wie soll man was daraus machen, ohne Geld und Personal, in einem Dorf, das sich an die Pendelei gewöhnt hat? Heinz Frey trifft zu Beginn eine der wichtigsten Entscheidungen: Die Barmener müssen es selbst schaffen. Denn auf dem Dorf schaut man skeptisch auf alles, was von außen kommt. Und die Barmener wissen am besten, was sie brauchen. 

Noch weiß Heinz Frey nicht, wie schwierig alles werden wird. Aber er hat keine Angst vor der Arbeit. Frey kommt von einem kleinen Bauernhof. 25 Hektar Rüben, Kartoffeln, Weizen. „In der Landwirtschaft habe ich gelernt: Wenn am Abend die Kartoffeln noch im Acker sind, hat man bald nichts mehr zu essen.“ 

Heinz Frey hat eine Idee, aber zunächst keine Ahnung. Doch er sucht sich Verbündete, im Dorf, dort, wo der Laden ein Erfolg werden soll. Mit einem Rechtsanwalt und einem Steuerberater schreibt er ein sechsseitiges Konzept. Er füttert die Lokalpresse, verteilt Flyer, spricht auf Veranstaltungen. Er bekommt Tipps auf Tagungen und im Amt für Agrarordnung, fährt nach Süddeutschland und nach Norden, schaut sich ähnliche Projekte an, schreibt das Konzept um. „So haben wir es zusammengestrickt“, sagt er, „und zwar so, dass die vielen Maschen auch ein Muster ergaben.“

 Er hat gesehen, dass so ein Laden ein Bürgerbüro sein kann, mit Post und Bank, mit einer Niederlassung des örtlichen Energieversorgers, einem Formularservice fürs Amt. Dass solch ein Laden die Leute anziehen kann, dass Geld in die Kasse kommt. Zwei Jahre tingelt Frey herum, dann weiß er: Es muss ein Laden mit Dienstleistungen werden. Und er muss in die leer stehende Sparkassenfiliale. 

Es ist ein Kampf an allen Fronten. In den folgenden zwei Jahren schart Frey die Barmener Bürger um sich. Er macht Umfragen („Dosenfleisch oder Frischfleisch?“) und tritt beim Karnevalsumzug auf. „Man muss immer in Bewegung bleiben“, sagt er, „auch wenn gerade nicht viel passiert. Und es ist egal, wie das geht. Hauptsache, es passiert etwas.“ Heinz Frey hält sich an die Regeln eines Dorfes und gründet im März 2003 einen Verein: Dorv – Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung. „Man braucht für so etwas Schwergewichte“, weiß Frey und verpflichtet einen Landtagsabgeordneten, denn das wirkt solide. Zunächst machen 60 Barmener mit, schnell werden es 150. Nun muss der Laden kommen. 

 

Heinz Frey hatte eine gute Idee und suchte sich dafür Verbündete

Dafür brauchen sie die alte Sparkassenfiliale. Sie verhandeln und streiten mit Sparkassenvertretern und der Stadtverwaltung, machen dem Landrat Druck. „Man muss den Leuten lästig werden“, sagt Frey, „dann wissen die, dass sie einen nicht mehr loswerden. Wenn man dreimal hingeht, kriegt man alles.“ Manchmal braucht es auch Glück. Zwischendrin kauft ein Zahnarzt das Gebäude. Damit hätte das Projekt tot sein können. Frey lächelt: „Aber ich kannte den Mann über drei Ecken, und ich habe ihn überzeugt, uns den Laden zu vermieten.“ 

Nun haben die Barmener einen Raum, aber noch immer kein Geld. Sie wissen, dass sich der laufende Betrieb selbst tragen muss, aber sie brauchen rund 100000 Euro, um anfangen zu können. Die Stadt Jülich winkt ab, ebenso das Amt für Agrarordnung. „Und die Sparkasse hat uns ausgelacht“, erinnert sich Frey, wie auch an die erneut aufkeimende Wut, an dieses „jetzt erst recht“. 

Der Vereinskassierer vom Dorv ist zugleich Angestellter bei der Sparkasse. Der Mann kennt sich aus in Geldangelegenheiten. So gründet der Verein eine GmbH für den laufenden Betrieb und eine GbR, um die Finanzen zu bündeln. Die Barmener denken um. Wenn ihnen niemand Geld geben will, geben sie es sich eben selber. Sie ziehen von Haustür zu Haustür und verkaufen Anteile am Dorv, das Stück zu 250 Euro. So werden aus möglichen Kunden Teilhaber am künftigen Laden. „Es war immer klar, dass die DorvAktien keinen Gewinn abwerfen werden. Aber dafür bekämen die Leute einen Laden, wo sie täglich einkaufen könnten.“ 

Das Argument zieht, der Verein sammelt 25000 Euro ein.  „Außerdem haben wir selbst Sparkasse gespielt“, erzählt Frey. In langen Gesprächen werden sieben Barmener überzeugt, Dorv Kredite zu geben, zu drei Prozent Zinsen – das sind die nächsten 25000 Euro. Die Restsumme von 50000 Euro beschaffen sich die Dorvler über Eigenleistung und einen günstigen Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Damit ist das Schlimmste geschafft: Es gibt einen Raum und Geld. Außerdem haben die Barmener gelernt, dass die besten Verbündeten dort zu finden sind, wo man selbst ist – und daran halten sie sich. 

Klar ist auch, dass der Laden eine solide Grundausstattung bieten soll mit allem, was man im Haus braucht. Die Produkte sollen gut und frisch sein, besser als die Waren des Supermarktes in der Stadt, denn sie wissen: Sie können nicht überleben, wenn nur diejenigen kommen, die in der Stadt etwas vergessen haben. Sie müssen der Stadt Kunden abjagen. „Ich komme schließlich von einem Bauernhof“, sagt Heinz Frey. „Etwa Gemüse von sonstwo hierherkarren hat keinen Sinn. So einfach ist das.“ Die Leute von Dorv wissen aber auch: Die besten Partner sind diejenigen, die aus einer Partnerschaft einen direkten Vorteil ziehen. Nur sie sind wirklich interessiert daran, dass der Laden läuft. 

Dieses Prinzip steht über allem, als sie beginnen, ihren Laden zubestücken. Bäcker, Fleischer, Gemüsebauer – diese wichtigen Lieferanten finden sie schnell in den Nachbardörfern. Das heißt aber auch, dass sie als Lieferanten für den großen Rest jemanden brauchen, der das akzeptiert und nicht versucht, ihnen Waren aufs Auge zu drücken, die sie lieber regional beziehen. 

Die großen Marktlieferanten wie Rewe und Edeka winken ab, der Dorfladen in Barmen ist ihnen viel zu klein. Schließlich finden sie eine Großhändler- Gemeinschaft, die sich auf kleine Geschäfte auf dem Land spezialisiert hat. Sie liefert nur an, was wirklich gebraucht wird, verlangt keine Mindestabnahmemengen und fordert auch nicht, dass ein Laden bestimmte Waren vorhalten muss, die an seinem Standort nur schlecht verkauft werden. Die Preise können die Dorvler frei gestalten. All das ist existenziell für einen neuen Laden mit geringem finanziellem Rückgrat. 

Knapp drei Jahre hat der Verein Mosaikstein für Mosaikstein zusammengefügt, bis am 10. September 2004 der Dorv-Laden in Barmen öffnet. Heute erwirtschaftet er sogar einen kleinen Gewinn, die Dorvler zahlen nach und nach ihre Kredite zurück. Mit vier Verkäuferinnen haben sie angefangen, mittlerweile sind es sieben. Auf den ersten Blick ist es ein ganz gewöhnliches Geschäft, hell und sauber. Randvolle Regale mit Dosensuppen, Nudeln, Milch, Kaffee, Salz, Bier, Wasser, Wein, Putztüchern, Seife – all die Sachen, die man auch im Supermarkt kauft. Jeden Morgen gibt es frische Brötchen und frisches Gemüse, die Fleischtheke bietet Schinken, Frikadellen und Aufschnitt. Die Kunst dabei ist, alles zu führen, was die Kunden wollen, aber nicht so viel, dass es in den Regalen liegen bleibt. 

Ruth Holz ist eine stolze Fleischverkäuferin

„Wir nennen es die Kunst der Beschränkung“, sagt Frey, während er die Regale entlanggeht. „Bei uns gibt es keine 35 Sorten Klopapier.“ Das ist eine Grundregel: Von jedem Produkt gibt es einen Markenartikel und eine billige No-Name-Variante – so findet jeder, was er will. Und was die Leute wollen, merken die Verkäuferinnen schnell. Auch in Barmen werden die Verkäufe in ein modernes Kassensystem getippt, das anzeigt, welche Artikel gut laufen. Wenn es ihnen die Kunden nicht direkt sagen. 

Darum geht es: um die kleinen Dinge. Kurze Wege, Gespräche, Kontakt zwischen Verkäufern und Käufern. Es ist ein Teil des Konzepts: Der Laden soll nicht nur eine Verkaufsstelle sein, sondern auch ein Treffpunkt. Doch wie kommt man an Leute, die nicht bloß Waren verkaufen, sondern auch Kontakte aufbauen und pflegen, selbst wenn sie nur einen 400-Euro-Job haben? 

Die Dorvler haben es geschafft, weil sie ihrem Prinzip treu geblieben sind, wie bei der Finanzierung oder der Wahl der Lieferanten. „Alles auf’m kleinen Weg“, sagt Heinz Frey. „Man fragt rum, und dann weiß man bald, wer was kann. Man muss das nutzen und die Leute dahin setzen, wo sie tun können, was sie können.“ Alle Verkäuferinnen stammen aus Barmen. 

„Aber wir sind nicht nur nett, wir sind auch gut“, sagt Heinz Frey. Am Ende, das wussten alle, war es mit dörflicher Kuschelei nicht getan – die Qualität muss überzeugen. Und es war klar: Die Fleischtheke müsste der Magnet sein, der die Barmener in den Laden zieht. Zum Glück hat Ruth Holz die Theke übernommen. 

Ein bisschen Niveau muss schon sein, dann 
bekommt man auch gute Leute 

Ruth Holz ist 52, wache Augen hinter einer dunkel gerahmten Brille, ein brauner Zopf. „Das ist kein Kunsthandwerk hier“, sagt sie. Die ausgebildete Fleischereifachverkäuferin stammt aus einer Barmener Metzgerfamilie und arbeitete früher in Fleischereien der Region. Heinz Frey hat immer bei ihr in Aldenhoven gekauft. Er kennt sie aus Kindertagen. Er wusste: „Die Frau ist mit Fleisch groß geworden. Sie ist zuverlässig, kann arbeiten und ist Vorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft – das verleiht Renommee.“ Ruth Holz hat den Job genommen, unter einer Bedingung: „Wir machen das richtig, wie im Fachhandel. Denn ein bisschen Niveau haben wir schon, oder?“ 

Ruth Holz ist nett. Ihre Kunden sind „Heinz“, „Ingrid“ und „Marianne“. Sie weiß, dass der Senf hinten links steht. Sie fertigt die Leute nicht ab, sondern nimmt sich Zeit, um mit Ingrid über ein Geschenk zu beraten. Sie kennt auch die Kinder, die sich die Nasen an der Glastheke platt drücken. Und sie ist professionell. „Bei Aldi gibt’s auch Fleisch. Wenn man sich da nicht bemüht, kommen die Leute nicht.“ Ihr Lieferant bringt gute Ware. Sie schneidet nicht schief ab und auch nicht mehr, als der Kunde wünscht. Zwischendurch, abends nach Dienstschluss oder in der Mittagspause macht sie Fleischsalat und Zaziki, Ragouts, füllt Filets und Cordon bleu. Sie sagt: „Das ist doch normal für ‘ne Metzgerei, oder? Ich finde das einfach schön.“ 

Außerdem arbeitet sie nicht nur in dem Laden, weil sie Geld braucht, das könnte sie auch woanders verdienen – Dorv bietet ihr etwas, das nicht leicht zu finden ist. „Wer eine gute Fachfrau ist, denkt immer auch fürs Geschäft. Früher habe ich auch immer versucht mitzudenken, aber das war oft nicht erwünscht. Hier kann ich in eigener Verantwortung arbeiten.“ Das ist ein weiteres Geheimniss von Dorv: Der Laden ist keine Parkbucht für Leute, die sonst nichts können oder die man nehmen muss, weil es 

sonst niemanden gibt. Wer hier arbeitet, will das auch. 

Wie Angela Hachenberg, 43 Jahre alt, 30-Stunden-Stelle, die Betriebsleiterin. Auch sie lebt in Barmen, hat Buchhändlerin gelernt, kümmerte sich dann 13 Jahre lang um ihre drei Kinder und arbeitete schließlich im Büro eines großen Verbrauchermarktes in Jülich. Auch sie wurde umworben, damit sie zu Dorv wechselt. „Man wächst in alles rein“, sagt Hachenberg bei einer schnellen Zigarette hinten in der Küche. „Und es ist viel bequemer für mich, hier im Ort zu arbeiten. Außerdem trage ich Verantwortung, und die Arbeit ist nicht so anonym.“ So etwas wollen viele Menschen, aber längst nicht jeder Arbeitgeber kann das bieten. 

Angela Hachenberg kann zu Fuß zur Arbeit gehen

Außerdem ist der Job abwechslungsreich. Wer im Laden arbeitet, verkauft nicht nur Waren, sondern hilft auch bei den Dienstleistungen, assistiert den alten Leuten beim Bankautomaten, bedient das Faxgerät oder den Kopierer, nimmt die Wäsche an, hilft beim Ausfüllen der Anzeigenvordrucke für die Lokalzeitung oder sammelt Amtsformulare ein, für das Auto, die Ummeldung oder den Antrag auf einen Auszug aus dem Liegenschaftskataster. 

Was erst mal läuft, geht auch weiter: 
Nun zieht ein Arzt nach Barmen
 

Heute sorgt der Laden für Bewegung und Austausch in Barmen. Auch wer nicht dort arbeitet, ist ein Teil von Dorv. Die Kunden, die den Alten im Ort auf einem kurzen Zwischenstopp ihre Lebensmittel vorbeibringen. Die Frau, die in der Stadt auf dem Amt arbeitet und auf dem kurzen Dienstweg die Formulare mitnimmt. Oder Herr Schmitz, der Mann von Frau Schmitz, die im Laden morgens um 6.30 Uhr die Brötchen schmiert: Er schleppt jeden Tag die schweren Getränkekisten. Frau Handels aus dem Neubaugebiet macht mindestens einmal in der Woche im Laden einen größeren Einkauf, „auch aus Solidarität, weil er meine Hoffnung ist, dass ich noch lange hier leben kann“. Da ist Herr Rieck, der auf dem Weg nach Hause beim Fleischlieferanten vorbeifährt und eine Kiste Wurst für den Dorv-Laden mitnimmt. Herr Rieck sagt: „Ein Hammer, der Laden. Sonntags Brötchen – das gab’s in Barmen noch nie! Und wir müssen nicht 

mehr für jeden Piep in die Stadt fahren.“ Und fügt hinzu: „Jeder trägt dazu bei, den Laden zu erhalten. Wenn jeder nur ein bisschen dort kauft, dann läuft das.“ 

Nun könnten sich alle zurücklehnen, aber stattdessen treiben sich Dorv und Dorf gegenseitig weiter voran. „Wir wollen eine Rundumversorgung“, sagt Heinz Frey. Deshalb sollen nun die Dienstleistungen ausgebaut werden. Weil man sie im Dorf braucht – und weil sie Geld bringen. „Wir müssen Geld einnehmen, damit wir Geld zurücklegen können“, sagt Heinz Frey. 

Der Dorv-Laden ist mittlerweile der Ort, an dem sich die meisten Barmener erreichen lassen – das eröffnet neue Möglichkeiten. Für den Bankautomaten zahlt die Sparkasse Miete. Die Zeitung zahlt für die Anzeigen. Außerdem vermittelt Dorv mittlerweile Pflegebedürftige an einen Pflegedienst und bekommt dafür Provision. Schließlich wird sich nach vielen Jahren wieder ein Arzt in Barmen niederlassen, gleich neben dem Laden. 

Das ist wieder so eine Sache, aus dem beide Seiten Vorteile ziehen. Denn natürlich gewinnt Waldemar Bergmann, Internist mit hausärztlicher Praxis im nahen Linnich, neue Patienten und ein neues Budget. Der Verein hat ihm eine Wohnung zur Praxis umgebaut und dafür gesorgt, dass der Arzt eine Telefonnummer bekommt, die sich auch schon etwas vergessliche Barmener merken können – darum gekümmert hat sich der Karl-Heinz, der bei der Telekom arbeitet. Und sie haben für den neuen Arzt getrommelt. „Das konnte ich nicht ablehnen“, sagt Bergmann. „Ich muss nur wenig Geld investieren und bin im Ort eingeführt. Das macht alles viel einfacher für mich.“ Im Gegenzug zahlt Bergmann Miete, die dem Verein zugute kommt. Er sagt: „Das Dorv- Konzept hat mich überzeugt. Die Leute haben bewiesen, dass sie was können. Die werden nicht wieder verschwinden.“ 

Es sieht ganz so aus, als hätte Dorv die kritische Größe erreicht, ab der ein Ding zwangsläufig ein weiteres Ding zur Folge hat. Zurzeit verhandelt man um einen Apothekendienst, selbstverständlich auf Provisionsbasis. Und natürlich wird der neue Arzt Überweisungen schreiben zu den Fachkollegen in der Stadt – also denkt man an ein Bürgermobil mit ehrenamtlichen Fahrern für die alten Barmener, die einen Facharzt aufsuchen müssen. Sie fühlen schon mal vor bei Herstellern und möglichen Geldgebern. „Eine 

Bürgerstiftung wäre auch möglich“, sagt Frey. Und wenn sie das Auto erst mal hätten, könnte man die Waren aus dem Laden über einen festen Bringdienst vertreiben und in Barmen Car-Sharing einführen … 

„Angst vorm Wirtschaften“, sagt Heinz Frey, „kenne ich noch aus der Kindheit. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran, das macht irgendwann nichts mehr. Man muss machen, fertig.“

Aus dem Nichts
Ein Dorf wie viele, vom Aussterben bedroht

Quelle: brand1