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DORV-Zentrum, Jülich-Barmen:

Rundum-Versorgung im neuen Dorfmittelpunkt 

(Quelle: ASG Ländlicher Raum 03/2009 - aktualisiert 01/2010 )

Heinz Frey (Geschäftsführer DORV-Zentrum Jülich-Barmen) und Jürgen Spelthann (Projektleiter) 

Die Bürgerinnen und Bürger des etwa 1 360 Einwohner zählenden linksrheinischen Dörfchens Jülich-Barmen haben mit der Gründung ihres DORV-Zentrums zur Aufwertung und Belebung des Dorfzentrums beigetragen sowie eine umfassende Nahversorgung geschaffen. DORV steht für Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung. Untergebracht ist das DORV-Zentrum im Gebäude der ehemaligen Sparkasse.

Das 5-Säulen-Modell

Im DORV-Zentrum wird zusammengebracht, was (nicht) zusammengehört. Nicht nur Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs, sondern auch eine Vielzahl von Dienstleistungen werden angeboten. Der Kunde kauft an der einen Seite der Ladentheke seinen Sonntagsbraten und erhält an der anderen Seite seinen neuen Führerschein – und das alles von derselben Person, die gleichzeitig noch das Rezept des Arztes entgegen nimmt.

Fünf Säulen ermöglichen diese neue Lebensqualität mitten im ländlichen Raum. 

1. Lebensmittel, Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs 

Frische Produkte wie Fleisch, Obst/Gemüse, Käse, Brot usw., direkt aus der Region, im neuen Dorfmittelpunkt angeboten von Menschen, die man kennt und mit denen man noch ein Gespräch an der Ladentheke führen kann. Selbstverständlich ist hier der Landwirt aus dem Nachbarort der Partner, ebenso wie der Metzger und Bäcker. Das Kleinflächenkonzept IK „Ihr Kaufmann“ (Markant-Gruppe, Offenburg) sichert darüber hinaus das Grundangebot, welches auf einer geringen Verkaufsfläche (ca. 100- 150 m²) bis zu 90 % des täglichen Bedarfs abdeckt. 

2. Dienstleistungen: öffentliche, halböffentliche und private 

Der Kreis Düren und die Stadt Jülich sind ebenso Partner des DORV-Zentrums wie die Sparkasse und die regionalen Energieversorger, eine Versicherungsagentur, ein Reisebüro, eine Reinigungsannahme, ein Zeitungsverlag, ein Paketdienst und vieles mehr – alles aus einer Hand, alles mit eigenem DORV-Personal. Die Kfz-Anmeldung an der Ladentheke in Barmen ist keine Vision mehr, sie ist Realität im modernen Dienstleistungszentrum, welches High-Tech mit den Annehmlichkeiten des Tante-Emma-Ladens verknüpft. 

3. Medizinisch-soziale Servicestation mit Beratungs-, Vermittlungs- und Versorgungsleistungen 

Essen auf Rädern, Sozial- und Rentenberatung sowie die Vermittlung von Altenpflege gehören ebenso zu diesem Angebot wie ein Freiwilligenzentrum und eine Vereins- und Informationsecke des Dorfes. Zahnarzt und Hausarzt stellen mit ihren Angeboten sicher, dass die Rundum-Versorgung 

hier tatsächlich erfüllt ist. So praktiziert der DORV-Arzt täglich zwischen 11.00 und 13.00 Uhr in seiner Zweig-Arztpraxis im DORV-Zentrum.

4. Kommunikation

Treffpunkt, Mittelpunkt im DORV. Das DORV Zentrum als Kontaktpunkt für alle Bürgerinnen und Bürger. Austausch beim Kaffee.

5. Kultur

Gemeinsame Aktivitäten, DORV als Veranstaltungsort für kulturelle Aktivitäten 

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Die Bürgerschaft als Kunde und Betreiber

Mit diesem Rundum-Paket richtet sich das DORV- Zentrum nicht nur an alte Menschen, sondern bezieht alle Bevölkerungsgruppen mit ein. Kinder lernen wieder das Einkaufen, junge Familien können auf ein zweites Auto verzichten. Das ganze Dorf ist hier Kunde und Betreiber zugleich. Die Bürger sind ihre eigenen Arbeitgeber, denn acht neue Arbeitsplätze wurden im Ort geschaffen. Selbst die Finanzierung der Investitionskosten ist über Anteilscheine (250 €/Stück) in Eigenleistung der Barmener erfolgt. Eine nachhaltige Änderung des Einkaufsverhaltens ist in Barmen tatsächlich gelungen. 

Das Dorf lebt wieder, man trifft sich und spricht wieder miteinander, Klönen gehört sozusagen zum Geschäftsprinzip im multifunktionalen Kommunikationszentrum. Dies alles wird möglich, weil die Konzeption „Alles unter einem Dach“ auch eine wirt- schaftliche Basis darstellt, die zukunftsfähig ist. Durch das neue DORV-Zentrum steigt sogar der Wert der Immobilien im Ort, zumal Barmen mit seinen fünf Naturschutzgebieten, dem einzigartigen natürlichen Flussmäander der Rur, seiner alten Wasserburg und dem Schloss als besondere Wohnlage im Kreisgebiet gilt. 

Mit dem Ziel, möglichst lebenslang im Dorf (in der gewohnten sozialen Umgebung) leben zu können, bietet sich mit dem DORV-Zentrum eine echte Alternative zur Landflucht, die meist dann einsetzt, wenn Versorgung in zentralen Bereichen des Alltags nicht mehr gegeben ist. Geradezu einzigartig verbindet das DORV-Projekt in Barmen als Pilotprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) unter Federführung des Ministeriums für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUNLV) ökonomische, ökologische und soziale Aspekte miteinander. Auch die Ansätze der Lokalen Agenda 21 sind hier in idealer Weise erfüllt. 

Fünf Grundsätze garantieren den Erfolg

Fünf Grundprinzipien sichern den Erfolg, ja schaffen gar Wettbewerbsvorteile gegenüber Discounter und Supermarkt. Unterstützt wird diese Aussage durch neuere Erkenntnisse renommierter Institute, wonach den Supermärkten Kunden weglaufen (vgl. Welt-Online, 4.8.2007, Den Supermärkten laufen die Kunden weg, und Pressemitteilung McKinsey&Company vom 27.7.2007, Rückkehr der Tante-Emma-Läden).

Bündelung –

möglichst viele, bis dahin unvereinbare Angebote, werden zusammengebracht, alles unter einem Dach, in einem Ladenlokal, aus einer Hand mit eigenem Personal. Dies spart Betriebs- und Personalkosten. 

Konzentration–

ein passgenaues Angebot als Grundversorgung, klar ausgerichtet an den Bedürfnissen der Bürger und Bürgerinnen. Es wird das angeboten, was die Menschen wollen, nicht das, was die Lebensmittelbranche will. Hierzu dienen gezielte Kundenbefragungen, die Vereinsstruktur, die Nähe, die Identität von Betreiber und Kunde. 

Regionales Prinzip –

durch die Einbindung von regionalen Anbietern wird einerseits eine hohe 

Transparenz hinsichtlich Qualität, Herkunft und Transport der Waren geschaffen. Andererseits werden die bestehenden Standorte der Zulieferer 

(Landwirt, Bäcker und Metzger) durch zusätzlichen Absatz gestärkt. 

Qualität –

handwerkliche Qualitätsarbeit, Frische der Produkte und räumliche Nähe als Wettbewerbs- und Standortvorteil werden konsequent genutzt, 

gerade vor dem Hintergrund einer zunehmend kritischeren Betrachtung der Lebensmittelversorgung durch Großkonzerne. „Einfach, aber besser sein“, ist der Leitspruch der DORV-Betreiber. 

Neue Medien – 

Entfernungen entfallen durch den Einsatz moderner Technik als Kommunikationsmittel, aber auch als Grundlage des Betriebsablaufs. 

So werden manche Wege zur Innenstadt, Kernstadt, Kreisstadt überflüssig. Ganz nebenbei haben die Menschen im Ort wieder Zeit, miteinander zu plauschen und sparen angesichts steigender Energiekosten Geld für Einkaufsfahrten.

Bürger durch neuartiges Geschäftsmodell eingebunden

Die Geschichte des DORV-Zentrums begann 2001 mit dem Schließen der ehemaligen Sparkassenfiliale in Barmen, nachdem die Grundversorgung für die Bürger bereits in allen anderen Bereichen nach und nach zurückgegangen war. Viele kennen das Problem, vielleicht sogar aus dem eigenen Ort: Der kleine Laden, in dem man schon als Kind seine ersten Bonbons erstanden und später seine Einkäufe getätigt hat, hängt ein Schild an die Eingangstür. „Wir schließen nach langjähriger Tätigkeit unser Geschäft zum ...“. Das betroffene Dorf und seine Bewohner haben damit oft nicht nur einen Lebensmittelladen, sondern einen wichtigen Wirtschafts- und Kommunikationsmittelpunkt verloren. Vor einer ähnlichen Situation stand Jülich-Barmen. Nach dem Schließen der Sparkassenfiliale war der Ort zu einem reinen „Schlafdorf“ verkümmert. Die Barmener wollten sich aber mit dieser Situation nicht abfinden und so entstand in der Bürgerschaft die Idee, die Wiederherstellung der dörflichen Grundversorgungs- Infrastruktur selbst in die Hand zu nehmen. Schnell war klar, dass dafür nicht auf bestehende Konzepte zurückgegriffen werden konnte, sondern völlig neue Wege beschritten und ein gänzlich eigenes Modell entwickelt werden musste. Nach drei Jahren intensiver Vorarbeit eröffnete das DORV-Zentrum am 9.9.2004. Wichtig für diesen neuen Weg der Nahversorgung in Barmen war ein Umdenken der Bürgerinnen und Bürger, und zwar aller Bevölkerungsgruppen. Ideeller Träger des Projektes ist die Bürgergemeinschaft, organisiert im DORV-Trägerverein. Für den geschäftlichen Bereich wurden zusätzlich zwei Firmen gegründet: Die DORV-Zentrum GmbH als Betreiber und die DORV-Partner GbR, welche die Kapitalsammlung für das Projekt organisiert und das Bürgerkapital verwaltet. Durch den Trägerverein und die Kapitalsammlung konnten nahezu alle Bevölkerungskreise mit in das Projekt eingebunden werden. Mit dem Kauf von Anteilscheinen sind Teile der Bürgerschaft Nutzer und Betreiber des Zentrums sowie Arbeitgeber. 

Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach. „Non less – non profit“ wird in Barmen wie folgt übersetzt: Die Vereinsmitglieder zahlen keine monetären Beiträge – der Beitrag ist, dass die Bürger jeden Tag im DORV-Zentrum einkaufen gehen. Die Anteilseigner erhalten keine Gewinnanteile für ihre Einlagen. Der Gewinn besteht darin, dass sie jeden Tag einkaufen können. Es ist nicht das Ziel, Gewinne anzuhäufen, sondern Lebensqualität zu sichern. So können Preisstrukturen erreicht werden, die im Wettbewerb Stand halten und etwa auf dem Niveau eines Supermarktes liegen. Ohne Zuschüsse, Beihilfen oder sonstige finanzielle Hilfen ist das DORV-Zentrum dem Wettbewerb ausgesetzt. Eine Vielzahl neuer Ideen sichert eine beständige, kundenorientierte Weiterentwicklung des DORV-Zentrums in Barmen im Sinne der angestrebten Rundum-Versorgung. Aber auch Übertragbarkeit bzw. Vervielfältigung der Idee sind aktuelle Themen. Weitere DORV-Zentren entstehen zzt. in Nachbardörfern, in benachbarten Regionen in NRW und in anderen Bundesländern. Die Idee macht Schule, ein Netzwerk ähnlicher Einrichtungen ist aktiv. So beraten die Initiatoren des DORV-Zentrums Barmen mittlerweile Ortschaf- ten, Kommunen, Bürgergemeinschaften, Kaufleute, Landwirte in ganz Deutschland und darüber hinaus.

Vorträge, Fachtagungen, Schulungen, fachliche Gutachten und Untersuchungen der bestehenden Nahversorgung gehören zum Leistungsspektrum. 

Gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen

Auf die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen wie z. B. den demografischen Wandel, Generationenprobleme, Energiekosten, Globalisierungsfolgen und Entvölkerung der Dörfer haben die Barmener eine passende Antwort gefunden. Verschiedenste Auszeichnungen dokumentieren den Erfolg. So erhielt das DORV-Zentrum 2005 den Robert-Jungk-Zukunftspreis, 2006 wurde es als Ort der Ideen ausgezeichnet, 2007 im Rahmen des Projektes „Ideen statt Rotstift – Deutschland zum Selbermachen“ ausgewählt (unter www.deutschland- zum-selbermachen.de findet sich ein Filmbericht über das DORV-Zentrum in Barmen). 

Einen wichtigen Beitrag leistet das DORV-Zentrum auch zur Standortsicherung der Landwirtschaft. Nicht nur der regionale Absatz ist hier wichtig. Es werden florierende, lebendige Dörfer geschaffen bzw. erhalten, die nicht zum „Altenheim“ für wenige Senioren – unterbrochen durch die noch aktiven Landwirtschaftbetriebe – degenerieren. 

Erhalt und Sicherung der Infrastruktur wird über die Notwendigkeit derselben erreicht, weil die Menschen im Dorf weiter leben, jung und alt. Hier wird die Landwirtschaft zum integralen Bestandteil dieser neuen Lebensqualität auf dem Lande. Mit dem Grundsatz „regional produzieren, regional veredeln, regional verbrauchen“ kann mit dem Anbau von Lebensmitteln, dem Erzeugen von Nahrungsmitteln, aber auch durch die Produktion von Pflanzen zur Energieerzeugung eine Region nachhaltig erhalten und weiter entwickelt werden. Und genau dazu gehört als unverzichtbarer Bestandteil die neue Rundum-Versorgung im Dorf mit dem DORV. 

Seit 2005 nahmen die Anfragen zur Übertragbarkeit eines solchen Rundum-Versorgungszentrums erheblich zu. Kommunen, Institutionen, Parteien und Privatpersonen wollen seitdem wissen, wie das Konzept funktioniert, vor allem, wie es in ihrem Ort umzusetzen ist. So entwickelte das DORV- Projektteam eine Machbarkeitsstrategie, genannt Basisuntersuchung. Hierin wird der Ort/Standort ganz individuell in seiner Struktur untersucht. Abgefragt werden u. a. Daten wie Kaufkraft, Mobilität, Nahverkehrsangebot, Entfernungen zu vorhandenen Nahversorgern, Altersstruktur, Demografie und auch die Engagementbereitschaft derBürger. Für die Errichtung eines DORV-Zentrums ist die Einbindung der Bevölkerung unerlässlich. So kommt dem Punkt der ehrenamtlichen Tätigkeit und des bürgerschaftlichen Engagements und somit des sozialen Zusammenhaltes im Ort eine besondere Rolle zu. Im Ergebnis der Analyse findet sich eine detaillierte Aufnahme des Ist-Zustandes ebenso wie der Einkaufsgewohnheiten und vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten. Über eine Kartierung möglicher Standorte und Immobilien für ein neues Versorgungszentrum hinaus schließt die Studie mit konkreten Umsatzerwartungen ab. Damit sind die Auftraggeber jederzeit in der Lage, konkrete weitere Schritte zu planen, zu bewerten und umzusetzen. Diese ausführliche Machbarkeitsanalyse (Basisuntersuchung) wird individuell für jeden Standort erstellt. Interessierte erhalten weitergehende Auskünfte bei den Autoren, bzw. bei SPES-Zukunftsmodelle.